Sportlich betrachtet sind die Kroaten das Team des Turniers. Aber wären sie auch ein würdiger Weltmeister? Ihr Kokettieren mit dem faschistischen Ustascha-Regime lässt daran zumindest Zweifel aufkommen.

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Mit einem unbändigen Willen und purer Leidenschaft erkämpfte sich Kroatien den Einzug ins WM-Finale. Hatte doch das Halbfinal-Match praktisch mit einem Schock begonnen: Schon nach fünf Minuten lagen die „Feurigen“ gegen England 0:1 zurück.

Aber Kroatien berappelte sich – und wie: In der 68. Minute traf Ivan Perisic zum Ausgleich, ehe der im Spiel zuvor glücklos gebliebene Mario Mandzukic in der 109. Minute den Siegtreffer zum 2:1-Endstand versenkte.

Es ist eine Premiere, dass Kroatien in einem WM-Finale steht. Erst seit 1992 ist das Land ein eigenständiges Mitglied der FIFA. Und auch Trainer Zlatko Dalic ist ein Neuling: Er hatte noch bei keinem namhaften Klub gearbeitet, bevor er die Mannschaft vergangenen Herbst übernahm – und die in Gefahr geratene Qualifikation rettete.

Sportlich ist der Einzug ins WM-Finale umso höher einzuschätzen, als die Mannschaft von Kapitän Luka Modric schon im Achtelfinale gegen Dänemark und im Viertelfinale gegen Russland in Verlängerung und Elfmeterschießen musste.

Nationalistische Aussetzer bei Lovren und Vida

Doch unabhängig von der Leistung auf dem Platz gibt es Zweifel daran, ob Kroatien ein würdiger Weltmeister wäre. Grund sind nationalistische Entgleisungen von Abwehrchef Dejan Lovren und Innenverteidiger Domagoj Vida – sowie eine mangelnde Distanzierung seitens des kroatischen Verbands.

Nach dem 3:0 gegen Argentinien hatte Lovren ein Video von den Feiern in der Kabine geteilt. Dort sang nicht nur er das Lied „Bojna Cavoglave“ der umstrittenen Band Thompson. Sie gilt als Aushängeschild des kroatischen Rechtsrock und steht für die Verherrlichung des Ustascha-Regimes.

Das Lied beginnt mit demselben Schlachtruf, der Josip Simunic 2014 zehn Spiele Sperre und die komplette WM kostete: „Za Dom – Spremni!“ Auf Deutsch: „Für die Heimat – Bereit!“ Es ist ein kroatischer Schlachtruf, der erstmals im 16. Jahrhundert während der Türkenkriege verwendet wurde. Seit den 1930er Jahren gilt er als Gruß der Ustascha, einer Ende der 1920er-Jahre gegründeten kroatisch-faschistischen Gruppierung.

Auch Domagoj Vida provoziert mit Feier-Video

Domagoj Vida, Profi von Dynamo Kiew, provozierte mit Äußerungen nach dem Viertelfinal-Sieg über Russland: In einem Video jubelte der 29-Jährige kurz nach dem Spiel: „Ehre für die Ukraine!“ Es ist das Motto der Bürgerproteste, die 2014 die prorussische Regierung stürzten. Teamkollege Ognjen Vukojevic ergänzte: „Das ist ein Sieg für Dinamo und für die Ukraine.“

Später entschuldigte er sich bei den russischen Fans. Für dieses Jubel-Video wurde Vida von der FIFA lediglich verwarnt, ein zweites könnte ihm eine Strafe einbringen: Darin ist Vida zu sehen, wie er unter anderem „Belgrad brennt“ in die Kamera sagt.

Der Ausdruck „Belgrad brennt“ ist doppeldeutig – vor dem Hintergrund der politischen Rivalität Serbiens und Kroatiens.

Einzelfälle sind das nicht. 2012 fiel Mario Mandzukic mit einer politischen Geste auf: Er salutierte bei seinem Torjubel. Kritiker warfen ihm vor, er habe damit die kroatischen Ex-Generäle Ante Gotovina und Mladen Marcac gegrüßt. Beide standen vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag – wurden erst verurteilt, im Berufungsverfahren aber freigesprochen, was zu Kontroversen führte.

Nach der Qualifikation für die WM 2014 rief der langjährige Bundesliga-Profi Josip Simunic den Ustascha-Spruch per Mikrofon im Wechsel mit den Fans. Die FIFA sperrte ihn für zehn Spiele und die komplette WM.

2015 bestrafte die UEFA den kroatischen Verband wegen rassistischer Ausfälle seiner Fans mit einer Geldstrafe von 50.000 Euro und einem EM-Qualifikationsspiel ohne Zuschauer. In dem Geisterspiel löste ein auf dem Rasen eingebranntes Hakenkreuz den nächsten Skandal aus.

Nationalistische Symbole werden banalisiert

Was in anderen EU-Ländern problematisch wäre, gehört auf dem Balkan zum Alltag. Eine kritische Auseinandersetzung mit Nationalismus fehlt.

Auch die kroatische Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic kokettiert mit dem faschistischen Ustascha-Regime. Bei einem Besuch in Buenos Aires erklärte sie etwa, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nur die nach Argentinien geflohen seien, „die in Kroatien ihre Heimatliebe nicht hätten zeigen können“. Kritik an dieser Aussage wies sie zurück.

Seit Jahren gebe es eine Banalisierung totalitärer Symbole, sagt Nationalismusforscher Dario Brentin dem „Standard“.

Die politische Mitte habe sich derart radikalisiert, dass es keinen Aufschrei in kroatischen Communitys gebe, wenn irgendwo eine Ustascha-Fahne hänge. „Mit einer Hakenkreuzfahne wäre das wohl nicht möglich“, schätzt er.

Innenverteidiger Domagoj Vida, der in der ukrainischen Liga spielt, argumentierte nach seinem ersten Aufreger-Video, es habe sich nur um „ein einfaches Dankeschön für die ganze Unterstützung aus der Ukraine“ gehandelt, eine politische Absicht stecke nicht dahinter.

Experte Brentin nimmt Vida durchaus ab, dass er nicht provozieren wollte: Die Aussagen und Gesten der kroatischen Spieler drückten „eine ideologische Hegemonie des Nationalismus innerhalb des kroatischen Fußballs“ aus, sagte er „n-tv“.

Nicht nur in der kroatischen Politik, auch im kroatischen Fußball fehlt die kritische Auseinandersetzung, weshalb solche Symbole unreflektiert übernommen werden.

In deutschen wie Schweizer und auch österreichischen Städten zeigt sich nach den Spielen der „Vatreni“ gemeinsam mit den Feiernden auch die nationalistische Attitüde ihrer Fans.

Zwischen die kroatischen Flaggen mischen sich Fahnen, die sich in Details unterscheiden: Statt mit einem roten Karoeck beginnt das Wappen mit einem weißen, in der linken Ecke ist ein „U“ abgebildet.

1941 kamen die Ustascha mit Adolf Hitlers Unterstützung im Unabhängigen Staat Kroatien an die Macht: Ein grausames Regime, das bis 1945 Juden, Kommunisten, Roma und vor allem rund 390.000 Serben brutal verfolgte und ermorden ließ.

Als „Vasallenstaat von Nazideutschland“ sieht etwa die Staatsanwaltschaft Salzburg die Diktatur. Die Behörde hat 14 Mitglieder der Ultras von Dinamo Zagreb wegen Verstoßes gegen das NS-Verbotsgesetz angeklagt. Ihr Argument: Ob man dem Original oder einer Kopie huldige, komme auf dasselbe raus.

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