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Heil Vaterland

Was haben ein toter KZ-Kommandant, ein toter Polizist und ein hasserfüllter Popsänger gemeinsam? Den Faschismus. Wie das hübsche kleine Touristenparadies an der Adria überschattet wird.
Von Slavenka Drakulic

Kroatien
vergrößern Urlaubsparadies mit zwei Gesichtern: Die Vergangenheit lässt Kroatien nicht los.
Foto: ddp

Kroatien sei ein „kleines Land für große Ferien“, heißt es in einem Werbespot für Kroatien als Reiseziel, der auf CNN läuft. Selbst auf gewöhnlichen Postkarten kann man sehen, dass Kroatien ein pittoreskes Land ist, mit einer langen Küstenlinie und Hunderten von Inseln, einem sauberen blauen Meer, Kieselstränden, mittelalterlichen Städten und gutem Essen. Tourismus war und ist die Haupteinnahmequelle des Landes.

Dennoch gibt es, neben Werbespots und Berichten über Millionen von Besuchern, die ihren Urlaub in Kroatien verbringen, auch weniger erfreuliche Neuigkeiten, die einen dunklen Schatten über das kleine Touristenparadies an der Adria werfen.






In diesem Sommer geschah es beispielsweise, dass der im Alter von 87 Jahren verstorbene Dinko Sakic, im Zweiten Weltkrieg Kommandant des Konzentrationslagers Jasenovac, in seiner Ustascha-Uniform beigesetzt wurde – die Ustascha waren die kroatische Entsprechung zu den Nationalsozialisten. Nach dem Krieg war Sakic nach Argentinien emigriert und erst zurückgekehrt, wie viele andere, als Kroatien 1991 ein unabhängiger Staat geworden war.

Bei seiner Ankunft hatten ihn die lokalen Medien wie einen Star begrüßt. In Interviews wiederholte Sakic immer wieder, dass er nichts bereue. Er schlafe „wie ein Baby“. Sakic hätte indessen bereuen sollen. Unter seinem Kommando wurden Zehntausende von Häftlingen in Jasenovac ermordet.

Zwei jüdische Gefangene exekutierte er persönlich. Und obwohl Kriegsverbrechen nicht verjähren, zeigte die Regierung unter Franjo Tudjman keinerlei Bereitschaft, Sakic vor Gericht zu stellen. Sakic genoss seinen Ruhm, bis Israel eine Nachricht schickte, man sei durchaus gewillt, ihn bei sich vor Gericht zu stellen.

Nach einem Prozess, der im Jahr 1998 in Kroatien stattfand, musste Sakic für zwanzig Jahre ins Gefängnis, wo er sich damit beschäftigte, seine Autobiographie zu schreiben. Für sein Begräbnis ließ die Familie den Leichnam in der Uniform des Nazi-Marionettenstaates kleiden. Ein dominikanischer Mönch, Vjekoslav Lasic – schon berüchtigt für diese Art von Propaganda – hielt eine Rede, in der er das Ustascha-Regime verteidigte.

Im 21. Jahrhundert, und während sein Land kurz vor dem Beitritt zur Europäischen Union steht, wies er die Kroaten an, Dinko Sakic zu ehren und in ihm ein Vorbild zu sehen.

Gesetze gelten nicht für jeden

Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Center schrieb einen Protestbrief an den kroatischen Präsidenten Stjepan Mesic. Sein Büro antwortete, man sei nicht verantwortlich für diese Angelegenheit. So endete der Skandal um einen toten KZ-Kommandanten.

Dann, erst vor wenigen Wochen, wurde Zvonko Busic, ein 62-jähriger Kroate, der 32 Jahre lang in einem amerikanischen Gefängnis gesessen hat, am Flughafen von Zagreb von einem Haufen seiner Ustascha-freundlichen Gesinnungsgenossen empfangen.

Sie riefen ihm den traditionellen faschistischen Gruß „Za dom spremni!“ zu, die kroatische Version von „Sieg heil“. Seine Ankunft stand in den Nachrichten des staatlichen Fernsehens an erster Stelle. Zvonko Busic hatte im Jahr 1976, zusammen mit seiner amerikanischen Frau, eine TWA-Passagiermaschine auf dem Weg von New York nach Chicago entführt. Er wollte Flugblätter abwerfen, die auf die Diskriminierung von Kroaten in Jugoslawien hinweisen sollten.

Aber irgendetwas war schiefgelaufen; eine Bombe, die Busic in der Grand Central Station in New York platziert hatte, explodierte, tötete einen Polizisten und verwundete drei weitere. Busic wurde des Terrorismus angeklagt und zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt. Im neuen Kroatien jedoch hielt man ihn für einen Helden und Kämpfer für das Vaterland, einen Märtyrer „für unsere Sache“.

Seine Absichten seien patriotisch gewesen, sagte man, und der Umstand, dass er sein Ziel mit Gewalt verfolgt hatte, dass es gar zu einem Toten kam, sei bloß ein Unglücksfall gewesen. Im Streit darüber, was einen Terroristen, seine Absichten und Methoden ausmacht, verglich man Busic mit Menachem Begin, Jassir Arafat, Mandela, Che Guevera und Tito.

Als wären diese beiden Ereignisse nicht genug, spaltet auch noch der Popsänger Marko Perkovic, Spitzname „Thompson“ (nach einem Maschinengewehr), das Land. Die Zuschauer seiner Konzerte tragen schwarze Kleidung, sie schmücken sich mit Ustascha-Symbolen, heben ständig ihre Hände zum faschistischen Gruß und brüllen „Tötet die Serben“.

Sollen seine Auftritte, die zu nationalistischem Hass aufhetzen (was gesetzlich verboten ist), untersagt werden oder nicht? Vor kurzem wollte Präsident Mesic ein Tennisturnier in Umag, einem gemächlichen Seebad an der kroatischen Küste, nicht besuchen, weil Thompson dort auf dem Programm stand. Ausgerechnet das „Kroatische Helsinki-Kommittee“, eine Menschenrechtsorganisation, verteidigte das Recht des Sängers, dort aufzutreten. Unter den Bürgermeistern kroatischer Städte entspann sich eine Debatte. Für einige ist Thompson nur ein Patriot – für andere ein Verbreiter faschistischer Werte.

Während die Medien diesen Geschichten viel Aufmerksamkeit schenken, gibt es keine Diskussion darüber, warum es in Kroatien überhaupt zu solchen Ereignissen kommt – fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und fünfzehn Jahre nachdem das Land unabhängig wurde.

Interessant ist, dass der gemeinsame Nenner dieser drei Geschichten nicht nur die Rehabilitierung der faschistischen Ideologie ist, sondern noch etwas anderes: der offensichtliche Unwille von Behörden wie der Polizei und der Staatsanwaltschaft, darauf zu reagieren. Aber wie könnten sie auch, wenn selbst einige Minister Thompsons Konzerte besuchen?

Die Frage, ob Gesetze durchgesetzt werden sollen oder nicht, ist eigentlich vollkommen absurd, nur in Kroatien nicht. Hier gibt es zwar auch Gesetze. Doch offensichtlich gelten sie nicht für jeden.

Es zählt nicht das Verbrechen, sondern die Absicht dahinter

Wenn der Widerstand gegen den Faschismus in der Verfassung klar und deutlich als eines der Fundamente des neuen kroatischen Staates definiert ist, wenn es Gesetze gibt, die das Aufhetzen zu nationalistischem, religiösem und rassistischem Hass verbieten – wo kann dann das Problem liegen? Das Problem ist die kroatische Einstellung gegenüber der eigenen Vergangenheit. Dokumente und Erklärungen sind eine Sache, die Wirklichkeit ist eine andere.

Kroatien war, vor seiner Unabhängigkeit 1991, nur ein Mal ein unabhängiger Staat, zwischen 1941 und 1945. Der „Unabhängige Staat Kroatien“ wurde regiert von Ante Pavelic und seiner Ustascha-Armee. Sie waren Marionetten der Nationalsozialisten. Als Kroatien unter dem späten Franjo Tudjman zum zweiten Mal die Unabhängigkeit errang, kehrte auch der Geist des radikalen Nationalismus zurück.

Und selbst nach Tudjmans Tod im Jahr 1999 scheint er lebendig zu sein. Trotz aller politischen Reden, die das Wiederaufleben dieses schändlichen Erbes geißeln, verhalten sich Polizei und Staatsanwaltschaft passiv.

Die allgemeine Haltung ist, dass Kämpfer für die „nationale Sache“ per Definition keine Kriminellen sein können. Es zählt nicht das Verbrechen, sondern die Absicht dahinter. Das ist dieselbe Logik, die aus Kriegsverbrechern wie Mirko Norac Helden werden lässt.

Auf der anderen Seite werben kroatische Politiker, allen voran Premierminister Ivo Sanader, lautstark für europäische Werte und erklären immer wieder, sie seien zu allen Anstrengungen bereit, wenn es darum gehe, der EU beizutreten. Aber noch einmal: Es gibt Erklärungen und Worte – und es gibt die Wirklichkeit.

Die gegen Europa gewendete Verherrlichung von Kriegsverbrechen, Terrorismus und Faschismus sind zwar offiziell verboten, werden aber, wenn man sich in der Öffentlichkeit dazu bekennt, toleriert. Die Europäische Gemeinschaft braucht indessen kein Kroatien, das nur sein schönes Sommergesicht zeigt, während es dahinter zweifelhafte Werte versteckt.

Die Autorin ist Schriftstellerin und lebt in Istrien sowie in Wien. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt der Roman „Frida“ (Zsolnay Verlag, Wien 2007).
Deutsch von Lars Weisbrod

Eine Antwort

  1. […] mit der Geschichte umgehen kann…. genau….wo ein Serbe lebt ist Serbien… Genau Metkovic sueddeutsche.de – Heil Vaterland Dobro dosli na Internet prezentaciju srpske dijaspore Soviel zur Rehabilitierung […]

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