KOSOVO – Elefanten vor dem Wasserloch

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KOSOVO

Elefanten vor dem Wasserloch

Die Vorbereitungen auf die wohl größte Mission der EU-Geschichte laufen: 2200 Experten sollen von Pristina aus Europas jüngste Republik zum Rechtsstaat formen. Sie erwartet, neun Jahre nach Kriegsende, ein von Korruption und Organisierter Kriminalität beherrschtes Land.

Abends um acht hat Joachim Rücker, der ranghöchste Repräsentant der Weltgemeinschaft in Pristina, langsam Lust, einen Happen zu essen. Den Bill-Clinton-Boulevard im Rücken, an drei Moscheen vorbei, geht es, zack, zack, durch die nächtliche Stadt, im japanischen Jeep mit albanischem Leibwächter, der über Funk auf Englisch die Positionsdaten seines deutschen Schutzbefohlenen meldet.

Aber durch welches Land fährt Rücker da eigentlich?

Völkerrechtlich zählt Pristina, die Hauptstadt des Kosovo, noch zum serbischen Staatsgebiet. Rückers Chef in der New Yorker Uno-Zentrale, Generalsekretär Ban Ki Moon, hat bisher nichts Anderslautendes verkündet. Seit 1999 ist die Resolution 1244 in Kraft, mit der das Kosovo unter Uno-Kuratel gestellt wurde, nach 16 Monaten Krieg mit rund 10 000 Toten. Die Resolution sieht kein Recht auf Abspaltung der Provinz von Serbien vor.

Andererseits hat das Kosovo am 17. Februar einseitig seine Unabhängigkeit erklärt. Gut drei Dutzend Länder weltweit haben die zu 90 Prozent von Albanern bewohnte Zwergrepublik seither diplomatisch anerkannt, darunter die USA und Deutschland. Es gibt inzwischen Schilder mit der Aufschrift „Republik Kosovo“ an der südlichen Grenze und kosovarische Zöllner im Flughafen Pristina.

Im Norden hingegen und in den serbischen Enklaven diesseits des Ibar-Flusses sollen am 11. Mai separate Wahlen stattfinden – fürs Parlament in Belgrad und für die örtliche Vertretung der Serben. Hier, im Schatten mittelalterlicher Klöster, ist die Zeit scheinbar stehengeblieben. Hier wird mit serbischen Dinar bezahlt, hier kommen Löhne, Lebensmittel und politische Weisungen unverändert aus Belgrad.

Die Situation im Kosovo ist vertrackt: Zwei Staaten beanspruchen nun gleichzeitig ein Territorium, das insgesamt kaum größer und nur halb so dicht besiedelt ist wie der Regierungsbezirk Stuttgart. Und mittendrin, als Oberaufseher im diplomatischen Minenfeld, sitzt Joachim Rücker, 56, der ehemalige Bürgermeister von Sindelfingen. Auf Wunsch des Uno-Generalsekretärs und auf Druck Russlands soll er weiter so tun, als wäre nichts passiert, als wären Serbiens Staatsgrenzen unverändert.

Gerade kommt Rücker von einem Empfang des neu ernannten deutschen Botschafters in Pristina. Streng protokollarisch gesehen war er da als oberster Uno-Verwalter in der Südwest-Provinz Serbiens fehl am Platz. Er aber nennt den Zwitterzustand des Kosovo „Kohabitation“ und findet dann komplizierte Worte für die Zukunft in diesem zerrissenen Land.

Im Juni soll alle Macht übergehen von der Uno an die Europäische Union, die 2200 Richter, Staatsanwälte, Polizisten und Zöllner schicken wird. Ohne Zustimmung aber von Russen und Chinesen im Weltsicherheitsrat wird sich die Uno nicht vom Amselfeld stehlen können. Sie müsse, sagt Rücker, ihr Mandat eben künftig „in statusneutraler Art implementieren“, sich „rekonfigurieren“ und die „Diskontinuität“ zwischen EU- und Uno-Mission deutlich werden lassen.

Zu Deutsch: dableiben, unauffällig schrumpfen und auf einen Kurswechsel in Moskau, Peking und Belgrad hoffen, damit aus den Scharmützeln um Europas jüngsten Staat kein Frontenkrieg wird.

Vorläufig, immerhin, lässt es sich noch leben in Pristina. Penne arrabiata und Schokotörtchen in der Trattoria „Il Passatore“ sind an diesem Abend tadellos. Rücker sieht glücklich aus, als er aufbricht.

Er führt die Uno-Mission im Kosovo (Unmik) seit 2006 an. Es ist die gewaltigste Kraftanstrengung in der Geschichte der Vereinten Nationen. Verwaltung, Polizei, Justiz, Zoll, Wirtschaft – alles untersteht den multinationalen Statthaltern. Ihre seit neun Jahren laufende Operation hat das Ziel, Jugoslawiens ehemaliges Armenhaus umzubauen – zu einer Heimstatt für gut zwei Millionen Menschen, die den Titel Rechtsstaat verdient.

Den Vereinten Nationen zur Seite stehen dabei EU, Nato und OSZE, gleichfalls mit beträchtlichen Bataillonen im Kosovo vertreten, sowie mehrere hundert Nicht-Regierungsorganisationen. Wie Elefanten am Wasserloch drängen sich die Kolosse des globalen Friedensstiftungsgewerbes auf dem historischen Amselfeld und kommen sich dabei, naturgemäß, in die Quere.

Es wird, zwischen Franzosen, Amerikanern und Deutschen vor allem, um Spitzenposten in der Verwaltung und Milliardenaufträge beim Wiederaufbau des Landes gerungen, um Einfluss auf die kosovarischen Parteien und Clanführer. Es finden sich hier Geheimdienstler und Glücksritter, Idealisten und Berufsabenteurer mit Auslandszulage. Die beabsichtigte Sturzgeburt einer Demokratie aus dem Geist vorausschauender Geopolitik droht an dieser Gemengelage zu scheitern.

33 Milliarden Euro insgesamt soll die Weltgemeinschaft für ihren Einsatz im Kosovo seit 1999 ausgegeben haben, seit dem durch Nato-Bomben erzwungenen Abzug von Slobodan Milosevics mordenden Truppen. Das entspräche pro Einwohner und Jahr einem Aufwand von 1750 Euro – dem 160fachen der durchschnittlichen Pro-Kopf-Hilfe für alle Entwicklungsländer.

Trotzdem kann es passieren, dass in Pristina der Weg zur Unmik-Zentrale durch Banderolen versperrt ist, auf denen steht: „Kein Zutritt. Verbrecherzone“. Oder dass Ampelgläser in der Stadt mit Folie überklebt sind – auf den roten Lampen leuchtet dann die Inschrift „Nein zu Eumik“, auf den grünen: „Unabhängigkeit“. Im Café „Strip Depot“ spottet der Philosoph Shkelzen Maliqi, umgeben von in Couchgarnituren lümmelnden Jüngern: „Kosovo ist ein Bastardland. Ihr habt es gezeugt, jetzt müsst ihr euch kümmern.“

Offiziell lebt beinahe die Hälfte der Einwohner bis heute von weniger als drei Euro pro Tag. Kosovos Bruttosozialprodukt pro Kopf ist niedriger als das von Nordkorea oder Papua-Neuguinea. Einer der schlechtesten Handelsbilanzen weltweit steht die höchste Fruchtbarkeitsrate in Europa gegenüber. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen liegt bei 75 Prozent.

Solange aber der mit mächtigen Sonnenbrillen und winzigen Handys bewaffnete albanische Nachwuchs noch vor dem dritten Ruf des Muezzins flächendeckend die Cafés von Pristina belagern kann, wird Armut allein als Erklärung nicht ausreichen für das wachsende Unbehagen der Einheimischen gegenüber den Internationalen. Die tieferliegenden Gründe fördern Studien von Wissenschaftlern, Geheimdiensten und EU-Gremien zutage.

Den Analysen zur Lage im Kosovo ist eines gemein: Sie zeichnen das Bild einer Clan-Gesellschaft, in der ein Häuflein krimineller Anführer das eigene Volk in Geiselhaft nimmt – mit Duldung der unter dem Aufklärungsbanner angetretenen Bürokraten aus Europa und der Restwelt.

Die Internationale Gemeinschaft sowie ihre Vertreter im Kosovo tragen maßgebliche Mitverantwortung für die alarmierende Ausbreitung mafiöser Strukturen im Kosovo und haben durch die offene Unterstützung politisch-krimineller Kuppelakteure in vielfältiger Weise die Glaubwürdigkeit internationaler Institutionen beschädigt. (Aus einer Studie des Instituts für Europäische Politik in Berlin im Auftrag der Bundeswehr, 2007)

Politisch-kriminelle Kuppelakteure: Mit solchen Leuten will der Uno-Sondergesandte Rücker nichts zu tun haben, jedenfalls nicht, sofern sie rechtskräftig verurteilt sind. Von den einstigen Helden der UÇK-Guerilla, die im Kampf gegen die serbischen Truppen das Kosovo befreiten und nun in Politik wie Wirtschaft das Sagen haben, ist bisher keiner verurteilt.

Mord, Folter, Vergewaltigung und Vertreibung von Serben, Albanern und Roma in den Wochen nach dem Krieg 1999: Die Anklage in Den Haag gegen Ramush Haradinaj, den ehemaligen UÇK-Kommandeur an der Westfront und späteren Premierminister, umfasste 37 Punkte. Einen „Gangster in Uniform“ nannte ihn die frühere Chefanklägerin des Uno-Kriegsverbrechertribunals, Carla Del Ponte. Nach seinem Freispruch am 3. April kehrte er ins Kosovo zurück. Zur Begrüßung gab es Pistolenschüsse und Autokorsos durch ein Meer aus Adlerfahnen – Symbol der Verbundenheit aller Albaner mit ihrem Mutterland. Es gab aber auch eine Mitteilung der Unmik, in der das Haager Gericht zitiert wurde: „Die Kammer gewann den starken Eindruck, dass Zeugen in diesem Verfahren sich nicht sicher fühlten.“

Steven Schook, Rückers Stellvertreter in der Unmik-Festung Pristina, war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Amt. Und zwar nicht, wie der ehemalige amerikanische Brigadegeneral vorgab, weil er schuldig sei, „seinen Job“ zu sehr zu lieben. Auch nicht seiner angeblichen Schwäche für die schöneren Töchter Kosovos wegen oder weil er es für angeraten hielt, sich „einmal in der Woche mit Ramush Haradinaj zu betrinken“, wie es in einer deutschen Lage-Analyse heißt.

Schooks Vertrag wurde offiziell „nicht verlängert“, nachdem die Uno-eigene Untersuchungskommission OIOS seine Amtsführung geprüft hatte und auch – unbewiesenen – Berichten nachgegangen war, der Amerikaner habe den Fluchtort eines Mannes verraten, der im Rahmen des Uno-Zeugenschutzprogramms gegen Haradinaj betreut wurde.

Schooks Vorgesetzter Rücker wiederum hatte Haradinaj vor dessen Abreise ins Haager Gefängnis noch ein spektakuläres Privatissimum im Unmik-Gebäude gewährt – nichts Ungewöhnliches unter politischen Alpha-Tieren, wie Rücker bis heute findet: „Dass ein Ex-Premier und Parteivorsitzender mir einen Besuch abstattet, bevor er sich auf eine längere Reise begibt, ist doch normales Geschäft.“

Haradinajs „längere Reise“ fiel in Folge von Haftverschonung kürzer aus als erwartet. Während des Prozesses dann durfte er mit Unmik-Segen als Kandidat bei den Wahlen fürs kosovarische Parlament antreten. Nicht nur in der Heimatregion des Angeklagten sorgte dies mit Blick auf Haradinajs Hintergrund für Aufsehen.

Die im Raum Decani auf Familienclans basierende Struktur um Ramush Haradinaj befasst sich mit dem gesamten Spektrum krimineller, politischer und militärischer Aktivitäten, die die Sicherheitsverhältnisse im gesamten Kosovo erheblich beeinflussen. Die Gruppe zählt ca. 100 Mitglieder und betätigt sich im Drogen- und Waffenschmuggel und im illegalen Handel mit zollpflichtigen Waren. (Aus einem BND-Bericht, 2005)

Vorwürfe, die in Den Haag nicht zur Diskussion standen. In Anzug und Krawatte auf die politische Bühne zurückgekehrt, darf Haradinaj inzwischen Neuwahlen fordern und sich als Leitfigur des unabhängigen Kosovo mit höchstrichterlichem Persilschein bestätigt sehen. Der Bedarf an Politikern mit makellosem Leumund ist erheblich gestiegen: „Mafiaboss“ sei heute der meistgenannte Berufswunsch von Kindern in und um Pristina, heißt es in einer Expertise aus dem vergangenen Jahr.

20 Prozent der Kosovaren sind Schätzungen zufolge Analphabeten, mehr als 90 Prozent verfügen allenfalls über den minimalen Schulabschluss. Die Folgen serbischer Kolonialpolitik unter Slobodan Milosevic wiegen schwer bis heute. Drei Prozent Wirtschaftswachstum reichen momentan nicht einmal aus, um die jährlich neu auf den Arbeitsmarkt drängende Jugend in Lohn und Brot zu bringen.

Für 30 bis 40 Prozent des Bruttosozialprodukts sorge die Schattenwirtschaft, auch die Korruption nehme weiter leicht zu, sagt der Ökonom Muhamet Mustafa vom Institut „Riinvest“. Den Jüngsten und Hoffnungsvollsten im Land ist der Weg von unten nach oben so gut wie versperrt.

„Wir müssten die besten Leute im Land halten, aber es fehlt uns an jungen Eliten“, sagt der Harvard-Absolvent Shpend Ahmeti, der das Forschungsinstitut GAP leitet und eine Kaderschmiede für künftige Spitzenkräfte plant. Und erzählt dann noch, wofür die Politiker eines Landes, in dem Metallschrott noch immer Ausfuhrartikel Nummer eins ist, bei der anstehenden internationalen Geberkonferenz Geld beantragen wollen: für eine U-Bahn im Industriekaff Ferizaj, Kostenpunkt 36 Millionen Euro; und für ein 25 Millionen Euro teures Opernhaus zu Ehren des verstorbenen Präsidenten Ibrahim Rugova.

Was Idealisten unter den internationalen Helfern und demokratische Einzelkämpfer unter den Albanern erbittert: Die Uno-Mission weckt auf beiden Seiten vor allem Begehrlichkeit, nicht Pioniergeist. „90 Prozent der Leute kommen hierher wegen des Geldes“, sagt ein Polizeibeamter der Uno-Abteilung für Organisierte Kriminalität in Pristina: „Die Motivation ist mäßig, es wird ständig rotiert, und die wirklich Guten kriegen wir sowieso nicht.“ Dienstjahre im Kosovo führten zum Karriereknick in der Heimat.

Zuweisungen an die Uno-Mission reichen dabei von „Papiertiger“ über „bürokratisches Monster“ bis hin zu „Kolonialverwaltung“, wohingegen das internationale Personal mehrheitlich in dem Ruf steht, im Kosovo entweder Abenteurertum oder individuelle Bereicherung zu betreiben. (Aus einer Studie im Auftrag der Bundeswehr, 2007)

In den oberen Etagen von Unmik, kosovarischer Regierung und internationalen Konsortien geht es inzwischen um zehnstellige Beträge. Vier Milliarden Euro stehen allein beim Bieterverfahren um das geplante Braunkohle-Heizkraftwerk Kosovo C auf dem Spiel – es wird benötigt, weil die vorhandenen Kraftwerksblöcke, trotz einer Milliarde Euro an Investitionen ins Netz, nicht für ausreichend Energie sorgen. Täglich fällt der Strom bis zu acht Stunden aus, und Diesel-Notstromaggregate müssen angeworfen werden. Wer aber verantwortet das Strom-Desaster? Ethem Çeku ist der Vorstandsvorsitzende des bisherigen Strommonopolisten, außerdem der Cousin des Ex-Premiers Agim Çeku und ein Vertrauter von Unmik-Chef Rücker. Im Rennen um das neue Vier-Milliarden-Euro-Projekt sitzt Çeku dem Lenkungsausschuss vor. Einer seiner früheren Mitarbeiter gehört dem favorisierten Konsortium an; zu den Mitbewerbern zählen die deutschen Energieriesen EnBW und RWE.

„Eine Art Cosa Nostra des Kosovo“ bildeten Çeku und seine Umgebung zusammen mit Unmik-Verantwortlichen, sagt Avni Zogiani, der unter Gefahr für Leib und Leben die Anti-Korruptions-NGO „Wach auf“ leitet. Er hat Drohungen erhalten, weil er Dossiers erstellt über das Sündenregister von Abgeordneten. Und weil er, zum Missfallen der westlichen Demokratiebotschafter, Sätze sagt wie diesen: „Unmik hat bisher vor allem mit Kriminellen gearbeitet und mit dem Teufel paktiert, nur um der Stabilität im Land willen.“ Eine Behauptung, „die nicht den Tatsachen entspricht“, so Unmik-Chef Rücker.

Anfang April hat Zogianis Organisation eine Anzeige beim Sonderstaatsanwalt wegen des Verdachts auf Begünstigung in Kosovos Treuhandanstalt eingereicht. Der Beschuldigte heißt Hashim Thaçi, ist 39 Jahre alt und war unter dem Kampfnamen „Schlange“ einer der UÇK-Kommandeure im Guerillakrieg gegen die serbische Armee. Inzwischen ist er Premierminister.

Der Autor Jürgen Roth zitiert eine BND-Studie von 2005, in der es heißt: Bereits 1999, zum Zeitpunkt der serbisch-albanischen Friedensverhandlungen, habe der damalige Albanerführer Thaçi „ein im gesamten Kosovo aktives kriminelles Netzwerk“ kontrolliert. Er stehe außerdem im Verdacht, Auftraggeber eines „Profikillers“ gewesen zu sein.

Von Thaçi war zu diesen Vorwürfen keine Stellungnahme zu erhalten. Der Premier ist beschäftigt. Er regiert und muss sich nebenher um seine Partei PDK kümmern. Die versucht er mit Unterstützung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Europas linkem Parteienspektrum zu verankern, wo auch der alte Waffenkamerad und Ex-Premier Agim Çeku wildert.

Es wird angenommen, dass hinter jeder politischen Partei eine Unternehmensstruktur des Organisierten Verbrechens und der Korruption existiert. (Uno-Direktorat für Organisiertes Verbrechen)

Die Uno-Sonderermittler für Organisierte Kriminalität sitzen in einer schäbigen Containersiedlung am Rand von Kosovo Polje, dem historischen Schauplatz der Schlacht auf dem Amselfeld zwischen Serben und Osmanischem Reich im Jahr 1389. Auf die Blechdächer der Container prasselt der Regen, in den Pappbechern der Beamten schwappt dünner Kaffee, und auf ihren Gesichtern liegt wie Grauschleier Zweifel am Sinn dieses Auftrags.

„Wir kämpfen hier mit Holzschwertern gegen einen hochgerüsteten Gegner“, sagt einer der Ermittler, der um Anonymität bittet: „2005 und 2006, als die ersten Einheimischen in die Kosovo-Polizei aufgenommen wurden, haben wir mit einem Schlag kein einziges Gramm Heroin mehr gefunden. Unsere verdeckten Ermittler und Informanten sind abgesprungen. Seither wissen wir buchstäblich nichts mehr.“

Das Kosovo ist nach Erkenntnissen von Strafverfolgungsbehörden die wichtigste Depotdestination für Opiate und Heroin aus Afghanistan. So sollen bis zu 4-5 Tonnen Heroin monatlich über die Grenzen des Kosovo gehandelt werden. In die Staaten der EU gelangt dann das Suchtgift über albanische Distributions- und Verteilerringe. (Rastislav Báchora, Südosteuropa Mitteilungen, 2008)

Durchs Kosovo verläuft die zentrale Balkan-Route für Rauschgiftschmuggel, seit 1999 unter den Augen der Weltpolizei. 80 Prozent des Heroinschmuggels in einigen nordeuropäischen Ländern würden inzwischen von albanischstämmigen Gruppen des organisierten Verbrechens kontrolliert, an die 40 Prozent in Westeuropa, heißt es bei Europol. Auch bei Unmik in Pristina, kennen sie die Berichte. Kennen die Warnungen, dass eine „weitere Verschärfung der Sicherheitslage“ drohe, nun, da die Unabhängigkeit der Zwergrepublik den herrschenden Clans den Zugriff auf die Regierungsgeschäfte erleichtere.

Nur, es passiert nichts. Der multinationale Apparat ist zu groß, außer Kontrolle geraten, pausenlos mit sich selbst beschäftigt – Organigramme, Erfolgsmeldungen („Okay-Reporting“) nach New York, Tätigkeitsnachweise wollen erstellt werden. Allein die monatlich zu aktualisierende Unmik-Liste über kosovarische Bordelle und Lokale, die im Verdacht stehen, illegale Prostitution zu fördern oder zu dulden, und die deshalb für Unmik-Angehörige „offlimits“ sind, umfasst zurzeit 138 Etablissements unterschiedlichen Zuschnitts. Das schummrige „Dodana“ in der geteilten Stadt Mitrovica, direkt am Ausgang der französischen Kfor-Kaserne gelegen, steht nicht einmal auf der Unmik-Liste und hat auf den ersten Blick auch keine Mädchen im Angebot. Es dauert aber nur einen Moment, bis der Betreiber, ein UÇK-Veteran mit Knasterfahrung in Stuttgart-Stammheim wegen Rauschgifthandels, sich besinnt: „Kommt morgen wieder, dann könnt ihr haben, was ihr wollt.“

Im „Buze Ibrit“ auf der gegenüberliegenden Seite des Ibar-Flusses, bietet Fatmiri, der Pächter, seine Zimmer für zwei Stunden „Ausruhen“ zu fünf Euro an, und in den Kaschemmen weiter östlich am Flussufer stehen Türkinnen, Albanerinnen und Moldauerinnen zur Auswahl.

Der schlanke, grauhaarige Mann, der sich mit einer kroatischen Neun-Millimeter-Pistole im Jackett hier Tag für Tag im Jeep vorbeifahren lässt, hat die Zechenstadt Mitrovica noch ohne Kfor-Truppen, Unmik-Polizei und die dazugehörigen Bordelle kennengelernt. Er heißt Bajram Rexhepi, war Premierminister des Kosovo und ist nun Bürgermeister von Mitrovica.

Von Mitrovica-Süd, genaugenommen. Dort, im albanischen Teil, hat er sein Büro im Rathaus. Drüben aber, auf der serbischen Seite des Flusses, hat er seine Villa. Eigentlich liegt sie damit in der künftigen serbischen Sonderverwaltungszone, aber irgendwie hat der mächtige Rexhepi es hinbekommen, dass sein von serbischen Siedlungen umzingelter Wohnsitz mit Panoramablick nun dem albanischen Süden zugeschlagen werden soll.

Rexhepi, von Haus aus Chirurg, war im Guerillakrieg mit dem Skalpell an der Front und Leibarzt des UÇK-Mitbegründers Adem Jashari bis zu dessen Ermordung. Er hat sich später für die Politik entschieden und im Amt des Regierungschefs auch dadurch gepunktet, dass er nach den Pogromen im März 2004 öffentlich Abscheu bekundete – 19 Menschen wurden damals getötet, an die tausend verletzt, drei Dutzend serbischer Klöster, Kirchen und Kultstätten zerstört oder beschädigt.

Der orthodoxe, vom serbischen Siedlungsgebiet nun abgeschnittene Friedhof in Mitrovica-Süd gleicht bis heute einem Mahnmal: die Kapelle geschändet, Grabsteine zerborsten, auf den Wegen zwischen den Gräbern Kuhfladen und Kleiderfetzen. Momentan aber sei Gewalt eher die Ausnahme, sagt Rexhepi gelassen und deutet auf die nahen serbischen Häuser: „Denen da drüben geht es jetzt darum, Parallelstrukturen zu schaffen.“

Ein multiethnisches Kosovo existiert nicht, außer in den schriftlichen Verlautbarungen der internationalen Gemeinschaft. (Aus einer Studie der Internationalen Balkan-Kommission)

Die Studenten der Technischen Universität in Mitrovica-Nord tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Kosovo ist Serbien“, und die von Belgrad finanzierte Verwaltung für den widerspenstigen Norden des Kosovo residiert nun in einem kobaltblauen Häuschen am Flussufer: Mitrovica-Nord ist ein Planet mit eigener Umlaufbahn, ein grauer Siedlungsklumpen mit Wohnwaben aus der Tito-Zeit, Putin-Porträts und vielleicht noch 30 000 serbischen Einwohnern, die als Speerspitzen im Gefecht um die Zukunft des Kosovo gebraucht werden.

Krankenhaus, Gericht, Schulen und Universität: Wer hier beschäftigt ist, wird mit dem Doppelten bis Dreifachen der üblichen Gehälter dafür entschädigt, dass er durch bloßes Ausharren den Rechtsanspruch Belgrads aufs Kosovo verkörpert. Serbiens Radikalenführer Tomislav Nikolic, den sie hier mit Brot, Salz und Volkstänzen begrüßen wie den Messias der Orthodoxen, kann in Mitrovica mit 70 Prozent der Stimmen rechnen.

„Groteske Realitätsverweigerung der Internationalen Gemeinschaft“, durch „politisch verordneten Erfolgsdruck“ ausgelöst, nennen Experten vom Institut für Europäische Politik die Träume von einem künftigen, multiethnischen Kosovo. Die Quelle des verordneten Erfolgsdrucks ist dabei unschwer zu rekonstruieren.

Vom Nato-Angriff auf serbische Ziele 1999 über die Regie bei den Friedensverhandlungen in Rambouillet bis zum Fahrplan für die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo war die Handschrift Washingtons prägend. „Die Spanier wollten keine Entscheidung vor März 2008, wegen ihrer anstehenden Wahlen, die Amerikaner forderten Februar; es wurde der 17. Februar“, sagt eine Unmik-Mitarbeiterin.

Das resolute „no way“ („auf keinen Fall“) aus der amerikanischen Repräsentanz in Pristina, das den kosovarischen Regierungschef Thaçi gerade noch am Handy bremste, ehe er – aus US-Sicht zwei Tage zu früh – die Unabhängigkeit ausgerufen hätte, zählt inzwischen zu den bespöttelten Gründungsmythen der jungen Republik. Mit der Militärbasis Camp Bondsteel, den angekündigten Waffenlieferungen für die künftige Kosovo-Armee und einer treuen Fangemeinde unter der albanischen Mehrheitsbevölkerung haben die Amerikaner gute Ernte eingefahren.

Und die Europäer? Javier Solana, der treue Atlantiker und EU-Chefdiplomat, ist durch mäßigende Appelle beim Parforce-Ritt hin zur Unabhängigkeit des Kosovo nicht aufgefallen. Der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso fordert bereits, dem Kosovo eine „EU-Perspektive“ anzubieten. Unmik-Chef Rücker geht noch weiter. Er sagt: „Das Kosovo sehe ich wie Serbien in zehn Jahren in der EU.“

Was bis dahin noch zu tun wäre? Es müssten ein paar Bastionen geschleift und Brücken geschlagen werden.

Die Serben in der blühenden bäuerlichen Kulturlandschaft des Nordens, an der Pforte zum wilden Sandschak, mit ihren Äckern, Weiden und Bienenstöcken, müssten lernen, mit den Albanern im Süden, in ihren aufstrebenden, um nackte Rohbauten wuchernden, müllübersäten Siedlungen eine gemeinsame Sprache zu finden.

Alte und neue Bürger von Prizren, dem Kerngehäuse des Zankapfels Kosovo, mittelalterliche Residenz serbischer Könige und spätere Geburtsstätte großalbanischer Träume, müssten wieder Schritte aufeinander zu tun. Besetzte Häuser räumen, geschändete Moscheen und Kirchen in Stand setzen, Gerechtigkeit walten lassen.

38 000 Klagen auf Rückerstattung von Eigentum, zumeist Äcker und Wiesen, sind im Kosovo derzeit noch anhängig. 180 000 unbearbeitete Gerichtsverfahren erwarten die EU-Experten. Unter noch 40 000 offenen Strafverfahren werden 700 als „hochrangig“ bewertet – die Spuren führen direkt hinein ins Innere des Clansystems.

Von dort, nicht vom Volk, geht die Macht aus in Europas jüngster Republik.

WALTER MAYR

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