Češki Ministar u Berlinu na razgovorima zbog Kosova i povezanosti sa Beogradom po pitanju proteranih nemaca takozvanih Sudeten Deutsche

Umgang mit der Vergangenheit
22.02.2008

BERLIN/BAD KISSINGEN/PRAG
(Eigener Bericht) – Zu Gesprächen über das Kosovo und zur Eröffnung einer neuen Debattenreihe über den Umgang mit der Geschichte in der EU trifft der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg am heutigen Freitag in Berlin ein. Während Schwarzenberg gegenüber seinem deutschen Amtskollegen das Zögern Tschechiens bei der Anerkennung der kosovarischen Sezession zu verteidigen hat, wird er auf Einladung eines dem früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker nahestehenden Vereins den Prager „Umgang mit der Vergangenheit“ begründen. Nach wie vor belastet die Bundesregierung entgegen einer Erklärung aus dem Jahr 1997 die deutsch-tschechischen Beziehungen mit Ansprüchen, die sie aus der bilateralen Geschichte ableitet. Während Karel Schwarzenberg in der deutschen Hauptstadt auftritt, wird in Süddeutschland eine Tagung eröffnet, die diese Ansprüche untermauert. Der Veranstalter erhält Mittel aus staatlichen Etats. Der doppelte Anlass des Berlin-Besuchs des tschechischen Außenministers ruft die historischen Dimensionen beider Themen seiner Reise in Erinnerung: Prag war einst zur Abwehr deutscher Revisionsbestrebungen mit Belgrad verbündet, das am vergangenen Sonntag zum wiederholten Male geschwächt worden ist.
Abwarten
Während Berlin die Sezession des Kosovo inzwischen anerkannt hat und auf die baldige Anerkennung durch weitere Staaten drängt, schiebt Prag den Schritt bislang noch auf. Manche Regierungen innerhalb der EU würden dafür „mehrere Wochen brauchen“, kündigt der tschechische Europaminister Alexandr Vondra an.[1] „Wir werden abwarten, ob sich die kosovarische Regierung in einer Weise verhält, dass ich eine Anerkennung guten Gewissens verantworten kann“, erklärt Außenminister Karel Schwarzenberg. Differenzen zwischen der deutschen und der tschechischen Position zur Abspaltung des Kosovo sind Gegenstand seiner heutigen Gespräche im Auswärtigen Amt.
„Europäisch“
Nach dem Zusammentreffen mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier wird der tschechische Außenminister am heutigen Freitagabend eine neue Debattenreihe über den Umgang mit der Geschichte in der EU eröffnen. Veranstalter ist ein Berliner Verein („Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa e.V.“), der dem ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker nahesteht. Die Debattenreihe, an der Persönlichkeiten aus insgesamt 24 europäischen Staaten teilnehmen, erstreckt sich bis in das Jahr 2009. Sie soll „insbesondere vor dem Hintergrund gegenwärtiger Konflikte“ innerhalb Europas als „Beitrag zu einer Auseinandersetzung mit nationalen Geschichten in ihren europäischen Zusammenhängen verstanden werden“, teilen die Veranstalter mit.[2] Das Projekt zielt – wie mehrere andere Vorhaben auch [3] – auf eine Annäherung der unterschiedlichen Geschichtsbetrachtungen in Europa.
Neuer Prozess
Zu den „gegenwärtigen Konflikten“, die der Berliner Ankündigungstext erwähnt, gehören auch anhaltende deutsch-tschechische Differenzen über die Umsiedlung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Während die Umsiedlung laut deutscher Sicht „Unrecht“ war und nach Auffassung zahlreicher Mitglieder deutscher „Vertriebenen“-Verbände mit Entschädigungszahlungen gesühnt werden muss, beruft sich die tschechische Seite auf nationales und internationales Recht (Potsdamer Abkommen, Benes-Gesetze).[4] Obwohl sich die Bundesregierung bereits 1997 in der Deutsch-Tschechischen Erklärung verpflichtet hat, die bilateralen „Beziehungen nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen (zu) belasten“ [5], arbeitet das Auswärtige Amt systematisch an einer Neubewertung des Umsiedlungsgeschehens auch in Tschechien. Die Deutsch-Tschechische Erklärung habe nicht etwa einen Endpunkt gesetzt, sondern „einen Prozess angestoßen, der weiter geht“, befindet der deutsche Botschafter in Prag: „Die Historiker können forschen, die Schulbuchkommission sitzt zusammen, das Collegium Carolinum (eine Einrichtung aus dem Milieu der „Vertriebenen“-Verbände, d.Red.) forscht.“ Man hoffe, „dass dadurch ein Klima entsteht, in dem es vielleicht auch einmal zu weiteren Gesten und Schritten kommt und die Erwartungen, die bis heute bei bestimmten Kreisen der Bevölkerung bestehen, erfüllt werden.“[6]
Delegitimiert
Teil dieses „Prozesses“ ist eine Tagung in einer süddeutschen „Bildungsstätte“, die am heutigen Freitag beginnt – zeitgleich mit dem Auftritt des tschechischen Außenministers in Berlin. Die Tagung behandelt das „Zusammenleben der Volksgruppen in der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit“ und damit einen Aspekt, der für die Debatte über die Umsiedlung der Deutschen von nicht geringer Bedeutung ist. Wie die Veranstalter von der Bildungsstätte „Heiligenhof“ (Bad Kissingen/Bundesland Bayern) schreiben, sei die deutschsprachige Minderheit in der Tschechoslowakei mit „nationalistischer Politik (…) benachteiligt“ worden.[7] Erst nach der Weltwirtschaftskrise, „die die hochindustrialisierten Sudetengebiete besonders traf“, seien die „Sudetendeutschen“ unter „den Einfluß des binnendeutschen Nationalsozialismus“ geraten und von „Hitler (…) benutzt“ worden, um die Tschechoslowakei zu zerstören. Diese Behauptungen, die der Historienschreibung der „Vertriebenen“-Verbände, aber auch der offiziösen Berliner Geschichtsbetrachtung entsprechen, spielen die eigenständig vorpreschende Funktion der „Sudetendeutschen“ bei der Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates herunter – und delegitimieren damit die Umsiedlung nach Kriegsende, deren Grund insbesondere in der subversiven Vorkriegstätigkeit der deutschsprachigen Minderheit lag. Tatsächlich haben Historiker erst kürzlich erneut im Detail belegt, dass die genannten Behauptungen einer wissenschaftlichen Überprüfung in keiner Weise standhalten können (bitte lesen Sie dazu unsere aktuelle Rezension).
„Natürlicher Partner“
Die Bildungsstätte „Heiligenhof“, an der die heute beginnende Tagung abgehalten wird, kann ihre Arbeit auf Mittel des Bundeskanzleramts, des Bundesinnenministeriums, des Bundeslandes Bayern sowie mehrerer Vorfeldorganisationen der deutschen Außenpolitik stützen. Getragen wird sie vom Sudetendeutschen Sozial- und Bildungswerk, das 1952 unter Mitwirkung ehemaliger sudetendeutscher Nationalsozialisten gegründet worden ist.[8] Nach bescheidenen Anfängen („Jugendleiterlehrgänge der deutschen Vertriebenen aus dem Sudetenland“) erlangte der „Heiligenhof“ laut eigener Einschätzung „ganz besondere Bedeutung“ für die „Sudetendeutschen“, die hier „ein Stück heimatliche Atmosphäre, ein Gefühl der Geborgenheit und die Möglichkeit“ erfahren, „ihr kulturelles Erbe in Seminaren für Volkstanz und -musik, Brauchtum und Mundarten zu erhalten und weiterzuentwickeln“. Seit 1990 sieht sich die Bildungsstätte „als natürlicher Partner für die deutschen Volksgrupen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa“.[9] Bereits 1953 schenkte die Einrichtung auch Exil-Tschechoslowaken ihre Aufmerksamkeit, heute bezieht sie Jugendliche und Studierende – künftige Eliten – aus den Staaten Ost- und Südosteuropas in ihre Arbeit ein.
Zerschlagen
Auch die heute beginnende Tagung wird in Zusammenarbeit mit tschechischen Studierenden gestaltet. In der Zwischenkriegszeit, mit der sich die Konferenz befasst, hatte Prag zur Abwehr deutscher Revisionspolitik etwas getan, was im „Heiligenhof“ wohl weniger thematisiert werden wird: Es hatte außenpolitisch Vorsorge getroffen und ein Defensivbündnis geschlossen. Es stützte sich auf Frankreich und zielte darauf ab, Territorialforderungen seitens der Angreifer des Ersten Weltkriegs (Deutschland, Österreich, Ungarn) abzuwehren. Das Bündnis – die „Kleine Entente“, die in den 1930er Jahren zerbrach – ist im tschechischen Außenministerium bis heute in lebhafter Erinnerung. Es verband die Tschechoslowakei, die heute nicht mehr existiert, mit Rumänien und Jugoslawien, dessen serbischer Nachfolgestaat am vergangenen Wochenende zum wiederholten Male zerschlagen worden ist.
Bitte lesen Sie auch unsere Rezension des von Hans Henning Hahn herausgegebenen Bandes Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte.
[1] Deutschland will Kosovo anerkennen; AP 18.02.2008
[2] Doppelgedächtnis – Debatten für Europa; http://www.kultur-in-europa.de/1.html
[3] s. dazu Mission accomplie
[4] s. dazu Annullierung der „Benes-Dekrete“: „Weiterhin aktuell“, Praktische Schritte und Großer Irrtum
[5] Deutsch-tschechische Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung vom 21. Januar 1997
[6] „Aufwärtsbewegung, mit kleinen Stolpersteinen“; Prager Zeitung 04.07.2007
[7] Das Zusammenleben der Volksgruppen in der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit; http://www.heiligenhof.de
[8] Georg Herde/Alexa Stolze: Die Sudetendeutsche Landsmannschaft, Köln 1987
[9] Geschichte des Heiligenhofs; http://www.heiligenhof.de

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